ÜBER DIE REGISSEURIN REINHILD HOFFMANN

von Michael Schmitz-Aufterbeck

Schon in den Jahren als Leiterin des Bremer Tanztheaters sucht Reinhild Hoffmann die choreographische Auseinandersetzung mit musikdramaturgischen Werken; die Künstlichkeit des gesungenen Wortes wird zum Maßstab einer zu erfindenden Bewegung.

Eine erste Opernarbeit, in der sie ausschließlich mit Sängern arbeitet, folgt 1992 Giacomo Puccinis IL TABARRO an der Bonner Oper.

Auch in der ersten Frankfurter Inszenierung 1994, einem Doppelabend mit Leoš Janáček TAGEBUCH EINES VERSCHOLLENEN und Arnold Schönbergs PIERROT LUNAIRE, arbeitet sie mit Sängern, wobei vor allem der zweite Teil, PIERROT LUNAIRE, in dem Reinhild Hoffmann Sängerin wie Musiker auf einem kleinen Spielfeld gleichermaßen in Bewegung setzt, eine choreographische Handschrift trägt. Die Tendenz, ihre choreographische Sprache im Musiktheater einzubringen, setzt sie in den folgenden Arbeiten konsequent fort. So erhält in der zweiten Frankfurter Inszenierung von 1995 – in Wolfgang Amadeus Mozarts IDOMENEO – jeder Sänger ein tanzendes Double und wird auch selbst Teil einer streng aus der Musik entwickelten Bewegungssprache.

In vier Inszenierungen für das Luzerner Theater reagiert Reinhild Hoffmann wieder auf sehr unterschiedliche Weise auf musikalische und dramaturgische Strukturen des jeweiligen Stückes. Auf unsichtbaren Linien gehen beispielsweise in Salvatore Sciarrinos Oper DIE TÖDLICHE BLUME (1999) die drei von Sängern dargestellten Figuren einer tragischen Dreierbeziehung ihrem Ende entgegen, und in immer neuen, Musik und Text kontrapunktierenden Spielsituationen und Konstellationen begegnen sich in György Kurtágs KAFKA-FRAGMENTEN (2000, Koproduktion mit dem Luzerne Festival) Geiger, Sängerin und Tänzerin. In DON GIOVANNI (2001) wird die menschliche Begegnung – selbst in der Mordtat – zum Tanz, und in Mozarts BETULIA LIBERATA (2002) verkörpert ein Bewegungschor das im mächtigen Kirchenschiff der Luzerner Jesuitenkirche eingesperrte Volk.

2003 inszeniert sie die szenische Uraufführung von Beat Furrers BEGEHREN (eine Koproduktion des Grazer Festivals „steirischer Herbst“ mit der RUHRtriennale), die von der Zeitschrift Opernwelt zur „Uraufführung des Jahres 2003“ gewählt wird.

Michael Schmitz-Aufterbeck, 2003

Veröffentlicht in: „Solange man unterwegs ist“. Die Tänzerin und Choreographin Reinhild Hoffmann. Von Norbert Servos. K. Kieser Verlag, München 2008

 

Es folgen Richard Strauss’ ARIADNE AUF NAXOS an der Deutschen Staatsoper Berlin und die Schweizer Erstaufführung von MACBETH (Sciarrino). Für das Nationaltheater Mannheim entwickelt Reinhild Hoffmann 2005, anlässlich des Schiller-Gedenkjahres, gemeinsam mit den Komponisten Isabel Mundry und Brice Pauset die dreiteilige Musiktheaterproduktion DAS MÄDCHEN AUS DER FREMDE für Sänger, Tänzer und Schauspieler. Spielt der erste Teil in Stille, wiederholen sich die szenischen Aktionen im zweiten Teil zur Musik von Mundry und im dritten Teil zur Komposition von Pauset. Die Wiederholungen der szenischen Abläufe sind jedoch nie exakt gleich, sondern verändern, den Musiken entsprechend, Zeitmaß und Phrasierung.

Im Herbst des gleichen Jahres folgt die Uraufführung von Mundrys Werk EIN ATEMZUG – DIE ODYSSEE für die Deutsche Oper Berlin mit Sängern und Tänzern, die wieder zur „Uraufführung des Jahres“ gewählt wird.

In den beiden folgenden Jahren inszeniert Reinhild Hoffmann zwei Klassiker des Opernrepertoires: Puccinis MADAMA BUTTERFLY und Richard Wagners TRISTAN UND ISOLDE.